Krautrock und Schwarzwälder Indian Vibes: Global Pop aus Deutschland

Balkan-Pop erfreut sich größter Beliebtheit, Brass Bands schießen aus dem Boden und Rapper samplen neuerdings Blasmusik –in den letzten zehn Jahren hat sich das Genre „Global Pop“ endgültig in Deutschland etabliert.

Es begann mit einem Scherz: Mathar war als solcher gedacht. Der Gitarrist Volker Kriegel und sein Frankfurter Quartett waren Ende der 1960er-Jahre eigentlich Jazzer. Trotzdem kam man nicht an den poppigen Beatles vorbei. Damals war das Beatles-Mitglied George Harrison nach Indien gepilgert und hatte sich selbst das Sitar-Spielen beigebracht. Das können wir auch, sagten sich die Frankfurter Jazzer. Und damit war das wahrscheinlich erste deutsche Weltmusik-Stück geboren: Mathar – lange, bevor es diesen Genrebegriff überhaupt gab.

Auf dem gleichen Indien-Trip waren 1964 auch Kriegels Frankfurter Jazz-Kollegen Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer und Ralf Hübner: Sie hatten nach einer Asien-Tournee im Auftrag des Goethe-Instituts zwei Fusion-Stücke komponiert. Diese waren jedoch geradezu konventionell gegen den poppigen Entwurf von Volker Kriegel und dessen Band. Kriegel erfand das Sitar-Intro und die eingängige Hookline des Stücks Mathar, aufgenommen wurde es im Schwarzwald. „Das war alles ein bisschen ironisch gemeint, eher wie ein musikalischer Scherz!“, so Kriegel. Mehr als zwanzig Jahre später wurde das Stück von Diskjockeys wiederentdeckt. Mitte der 1980-er Jahre stand der indischstämmige Chef des Londoner Asian-Underground-Labels Outcaste bei Kriegel vor der Tür und wollte über Remixe sowie die Mathar-Masterbänder verhandeln. Kriegel: „Es brauchte anscheinend mitteleuropäische Hirnis, um auf einem geradezu abenteuerlichen Umweg jungen Indern in London ihre eigene Musik wieder ans Herz zu legen“.

„Godfathers of Worldbeat“: die Dissidenten

Doch zunächst reisten deutsche Bands wie Embryo und die Dissidenten nach Marokko und Indien, um dort nach neuen Rhythmen und Inspirationen zu suchen. Sie brachten von ihren ausgedehnten Konzertreisen jeweils Instrumentallisten mit. Was in den 1970er-Jahren noch Krautrock mit Hippieflair genannt wurde, entwickelte sich spätestens Ende der 1980er-Jahre zum eigenständigen Genre Weltmusik. Als „Godfathers of Worldbeat“ wurden die Dissidenten vom Rolling Stone Magazin gefeiert. Die Kollegen von Embryo wurden 2008 mit dem Weltmusik-Preis Ruth für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Und die Clubszene von heute?

Wilde Ekstase mit Rhythmen vom Balkan

Die Frankfurter Diskjockeys Daniel Haaksman und Stefan Hantel alias Shantel haben es schon zu Beginn der Nuller-Jahre geahnt: Wilde Ekstase würde schon bald die gepflegte Langeweile auf den Tanzflächen ablösen. Blechbläser würden plötzlich hip sein, die Tuba und das Akkordeon würden die Clubs aufmischen. Rhythmen aus Angola, Brasilien und Istanbul wären eine selbstverständliche Ergänzung. Haaksman und Hantel hatten bereits in den 1990er-Jahren im Frankfurter Club Lissania Essay mit Hip-Hop aus Frankreich sowie Rai aus Algerien eine neue Richtung eingeschlagen. Einige Jahre später wurde die Serbin Vesna Petkovic aus der Grazer Lopicic-Band Frontfrau in Shantels neu formiertem Bucovina Club Orchester.

Poppiger als die Vorbilder aus Rumänien
„Ich bin ja eher die Treppe hochgefallen“, sagt Hantel rückblickend. Denn plötzlich ging alles rasend schnell: ausverkaufte Clubabende und umjubelte Festivalshows von Glastonbury bis Roskilde, TV-Auftritte von den Niederlanden bis zur Türkei. Hantel hatte die zündende Idee zum richtigen Zeitpunkt und entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum umtriebigsten Vertreter des von ihm mitbegründeten Genres Balkan-Pop. Er ist dabei sogar noch poppiger unterwegs als all seine Vorbilder, von Goran Bregović bis zu all den Roma-Bands wie Fanfare Ciocărlia oder Kočani Orkestar: Im Titel Planet Paprika wird beispielsweise hemmungslos Hello Africa zitiert, größter Hit des nigerianisch-schwedischen Musikers Alban Nwapa alias Dr. Alban und 1990 erschienen bei Logic Records in Offenbach.

Die Nutzung von  Samples mit traditioneller Musik, wie  häufig u.a. von Stefan Hantel praktiziert, gilt unter Roma-Musikern jedoch nicht als unproblematisch, da  populäre Künstler wie Hantel mit ihrer Musik nicht unerheblich verdienen, während sie selbst in der Regel leer ausgehen.

Blasmusik, Ghetto-Tech und „Madhouse“

Vergößern

Ebenfalls ungewohnt präsentiert sich zurzeit bayerische Blasmusik: In neuartiger Form taucht die ehemalige Volksmusik der Alpen auf großen Festivals auf und begeistert ein junges Pop-Publikum. Die Formation LaBrassBanda um den Trompeter Stefan Dettl vom Chiemsee hat so zum Beispiel beim Roskilde-Festival bei Kopenhagen viele neue Fans gewonnen. Der Diskjockey Sebastian Weiss alias Sepalot von der Münchner Hip-Hop-Formation Blumentopf hat sich zuletzt ebenfalls mit bayerischer Blasmusik beschäftigt und sie für sein Netz-Album Beat Konducta: Bavaria unerwartet funky zusammengesampelt. Er war aber auch als ausführender Produzent tätig für die Neuseeländerin Ladi6.

Es war also eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ein originär deutscher Beitrag zum weltweiten Ghetto-Tech-Trend innerhalb der Global Dance Music kommen würde. Munich Bass gilt mittlerweile als Münchner Variante zu den Tropical Beats aus London. Diese Musik ist laut, aggressiv, extrem clubtauglich – und kommt von Schlachthofbronx. Dahinter stecken die beiden Produzenten und DJs Jakob und Bene. Die Süddeutsche Zeitung nannte diese neue Mixtur dann einfach mal Welttanzmusik, weil darin Schnipsel aus allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen auftauchen.

Eine weitere Mixtur wurde kürzlich vom Münchner Label Outhere veröffentlicht: die CD Welcome to the Madhouse des Projekts BLNRB (Berlin-Nairobi). Initiiert vom Goethe Institut und den Gebrüdern Teichmann hatte man für einige Tage ein Haus in Nairobi zum kreativen Produktionsstudio umfunktioniert – genannt: das verrückte Haus, das Madhouse. Rapper Lon Jon beschreibt es so: „Da waren mindestens 25 Leute parallel im Haus, es gab drei Aufnahmestudios und wir sind immer hin- und herpendelt zwischen den Räumen“. Die Beats auf der CD kommen unter anderem von Jahcoozi mit Sängerin Sasha Perreira und Modeselektor aus Berlin. Vorläufige Bilanz des nigerianischen Rappers Lon Jon nach gemeinsamen Auftritten in Köln, Berlin und Nairobi: „Man hat die jeweilige andere Kultur besser kennengelernt!“.

Multikulti als Radiosender

Mitte der 1990er-Jahre wurden in Berlin und Köln zwei Radiosender gegründet, die zum einen Integrationsmedium für die in Deutschland lebenden Migranten sein sollten und zum anderen die Musik dieser Communities abbilden, anders als die üblichen Radioprogramme. 2008 wurde das Berliner Programm von Radio Multikulti dann eingestellt und mit dem Programm Funkhaus Europa des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln verschmolzen, das seither auch über eine UKW-Frequenz in Berlin verfügt. Das Funkhaus Europa ist bei allen wichtigen Festivals mit Global-Pop-Acts als Präsentator vertreten und veranstaltet auch eine Konzertreihe. Zusätzlich engagieren sich die ARD-Wellen jährlich auch beim Tanz- und Folkfest Rudoldstadt in Thüringen, das bereits zu DDR-Zeiten existierte und nun zum wichtigsten Weltmusikfestival in Deutschland avanciert ist. Die Welt ist auch in Deutschland klein geworden – globaler Pop ist unüberhörbar nah.

 

Stefan Müller

Radio-DJ bei WDR Funkhaus Europa sowie dem Internetradio Byte.FM, Autor für die „taz“ sowie „Jazzthetik“ und „Melodie & Rhythmus“

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Pop-Portal

Radio und Internet – wer killt hier wen?

Byte.FM

Beim tazlab am Samstagabend die extended version von Klaus Walters Text „webstream-kills-the-radio-star“. Als „kommentiertes Auflegen“ mit Musik- und Videobeispielen. Es lohnt, sich das Internetradio Byte.FM mal näher zu betrachen. Klaus Walter hat dort vor drei Jahren eine neue Heimat gefunden und ist wöchentlich mit seiner Sendung „Was ist Musik“ zu hören, zusätzlich aber auch als Magazin-Moderator. Zitat aus dem Vortrag: „Bei ByteFM läuft der Versuch, ein halbwegs aktuelles tägliches Popkulturmagazin von zwei Stunden zu produzieren. Von dem Geld, das in diese zwei Stunden fließt, könnte ein Radiofeuilleton wie Deutschlandradio Kultur ungefähr zwei Minuten senden“. Wohl wahr. Zu konstatieren bleibt: die Webpräsenz der drei DRadios ist Spitzenklasse, die Recherchierbarkeit von Beiträgen und transkribierten Interviews ebenfalls. Was bei Byte.FM auch schon sehr gut ist: man kann dort nach gespielten Musikstücken oder Interpreten suchen und bekommt Sendungs-übergreifend die Playlisten angezeigt.

 

Bleibt die Frage nach der Rezeption: wo (und wie) wird in Zukunft Radio gehört? Mobil? Zuhause? Analog? Digital? Ich wage folgende Prognose:

wer zuhause oder unterwegs im Internet unterwegs ist, kann gut parallel dazu Radio hören. Oft wird das direkt im Livestream erfolgen. Smartphones bieten allerdings auch die Möglichkeit, analoges UKW-Radio zu empfangen. Das ist bandbreiten (und ergo geldbeutel)-schonend, aber man empfängt nur die terrestrischen Sender. Am 1. August startet zusätzlich zu UKW ein neuer Versuch mit digital-terrestrischer Ausstrahlung, im Fachjargon „DAB+“ genannt. Die drei DRadios (Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, Dradio Wissen) hegen grosse Hoffnungen auf den neuen Standard. Insgesamt 13 Sender werden im DABplus-Modus übertragen, der dann auch in Autos und auf Fahrrädern empfangbar ist. Eine „Killer-Application“ für dieses digitale Radio ist aber weiter nicht in Sicht.

 

Meine persönliche Hoffnung für die Zukunft: Musiksendungen endlich als zeitsouveräner Podcast, den man endlich auch in Deutschland problemlos laden kann (derzeit noch immer die Rechte-Problematik mit Verwertungsgesellschaften). Dann spielen Radio und Internet perfekt zusammen.

...im Radio!

Superstars vom Subkontinent – Musikszene Indien

Das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen von Bollywood: auf der Berlinale hat Indiens Megastar Shah Rukh Khan den Streifen „My Name is Khan“ („Mein Name ist Khan“) vorgestellt. Nur wenige Monate später kam er zurück nach Berlin, um die Fortsetzung des Agententhrillers „Don 2“ zu drehen – immer begleitet von einem großen Spalier an Fans. Das Interesse an indischer Kultur wächst hierzulande Jahr für Jahr. Woran liegt das? Und: hat Indien noch mehr zu bieten als die schrillbunte Bollywood-Welt?

Bleiben wir zuerst bei den Stars. Der indische Sänger Kailash Kher hat in den vergangenen sieben Jahren eine unglaubliche Karriere hingelegt. Sein Durchbruch kam durch einen Filmsong zustande. Und wenn in Indien zuerst über einen Song geredet wird und dann erst über den dazugehörigen Film, dann hat man es geschafft. „Allah Ke Bande“ hieß der Hit aus dem Film und ganz Indien kannte plötzliche diese neue Stimme. Eine Stimme, die viele Menschen an den großen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan erinnerte, der vor 15 Jahren verstorben ist.

Und was macht Kailash Kher? Er fühlt sich geehrt und setzt einen neuen Meilenstein im Genre „Sufi-Soul“. Er bleibt nicht an der schillernden Bollywood-Oberfläche, sondern er geht tiefer in die mystischen Urgründe, die Geschichten und Gedichte des Subkontinents. Es geht um die hingebungsvolle Liebe, das zentrale Thema der Sufilehre. Im Ohrwurm-Song „Turiya Turiya“ wird ein Bogen geschlagen vom Sufi-Gelehrten Baba Farid Ganj-eh aus dem 12. ins 21. Jahrhundert. Dagegen ist das im Internet gebündelte digitale Wikipedia-Wissen fast schon machtlos. Die uralten Texte und Traditionen der Sufi-Mystik mit modernen Arrangements und Beats zu verbinden, das ist Kailash Kher auf dem Album „Yatra (Nomadic Souls)“ hervorragend gelungen. Zwei Brüder haben ihn dabei unterstützt: Naresh und Paresh Kamath, die früher in der Rockband „Bombay Black“ jammten. Keine Berührungsängste mit Rock, Funk, Elektronik und sogar Reggae zu haben: das hat Kailash von den beiden Kamaths gelernt.

Nordindische Musik habe ihn besonders geprägt, sagt Kailash: „Diese Einflüsse werden in meiner Musik immer präsent sein! Ich hoffe, daß ich auch dazu beitrage, daß diese Traditionen nicht vergessen werden“. Dabei ist Kailash selbst eine „Nomadenseele“ (so der Titel des Album „Yatra“ in der deutschen Übersetzung). Es ist nicht wirklich die Underdog-Story aus dem Erfolgsfilm „Slumdog Millionaire“, aber auch Kailash arbeitete sich vom unbekannten Künstler hoch zum indischen Popstar. Zur landesweiten Popularität haben auch seine Jobs als Juror und Moderator bei MTV und „Indian Idol“ (dem Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“) beigetragen. Aber jetzt will er mehr: den Rest der Welt erobern, Konzerte in Europa sind für dieses Jahr geplant. In der Desi-Szene der Exil-Inder weltweit ist Kailash sowieso durch das Internet präsent, genau wie jene Bands, die vor 15 Jahren den Hype um den sogenannten „Asian Underground“ losgetreten hatten.

Was ist aus ihnen geworden? Shri alias Shrikanth Sriram, der legendäre Bassist („Drum the bass“) hat zuletzt Filmmusik für die Bollywood-Komödie „Bara Aana“ gemacht. Talvin Singh, der Erfinder des Begriffs „Asian Underground“ und früherer Clubmacher („Anokha“), tourt als gefeierter Tabla-Virtuose über die Festivals der Welt, zuletzt mit einem Trio um Terry Riley sowie Erik Truffaz. Singh ist längst in die Fußstapfen zweier anderer bekannter Percussionisten und Tablaspieler getreten: Trilok Gurtu und Zakir Hussain. Nicht zu vergessen den in Bangladesch geborenen Badal Roy, der in den siebziger Jahren auf dem wegweisenen Miles-Davis-Album „On The Corner“ für die indischen Tablaklänge verantwortlich war.

Um zwei weitere wichtige Acts aus der Londoner Fusion-Szene scheint es – zumindest hierzulande – eher still geworden zu sein: die politisch wichtige und live unschlagbare Gruppe „Asian Dub Foundation“ (ADF) veröffentlichte 2008 ihr letztes Album, das siebte Werk „A History Of Now“ ist für Februar 2011 angekündigt. Gerade hat die Band vier Livegigs in Indien absolviert, ihre ersten überhaupt. ADF-Mitglied Deeder Zaman kommt ebenfalls im Frühjahr mit einem neuen Album namens „Pride Of The Underdog“, produziert von Adryan Sherwood („On-U-Sound“). Die Fans dürfen also gepannt sein.

Und was ist mit Nitin Sawhney, dem intellektuellen Kopf der british-asians? Jenem Mann, der mir mal in einem Interview den Satz sagte: „Worldmusic is a racist term“. Weltmusik sei als Genrebezeichnung perse schon „rassistisch“. Der 46jährige Multiinstrumentalist gewann 2000 den Mercury-Prize für sein wahrscheinlich bestes Album „Beyond Skin“ und tourte anschließend mit Sting um die Welt. Im Mai erscheint sein neues Album „Last Days of Meaning“ – eine erneute Auseinandersetzung mit der ersten Migrantengeneration aus den früheren britischen Kolonien. Der Ort für die Releaseparty zeigt die Richtung auf: die Royal Albert Hall in London wird es sein. Zuletzt hatte Sawhney in Sydney mit einem klassischen Orchester einen Soundtrack zum indischen Stummfilm „Prapancha Pash“ aus dem Jahr 1929 aufgeführt. Der Mann ist also weiterhin in einem breiten Spektrum unterwegs, vom DJing bis zur Produktion von Film- und Computerspielmusik und nun auch Klassik.

Was die Clubs betrifft, ist jedoch längst eine neue Generation junger Produzenten angetreten. Nicht nur in den indischen Communities in Großbritannien und Kanada, sondern mittlerweile auch den indischen Metropolen selbst. Die dort aktiven Veranstalter und Djs wissen, daß sie Aufbauarbeit leisten. Noch ist die Szene klein und überschaubar. Aber die Demografie des Subkontinents spricht für eine riesige Expansion in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Die Berliner Clubcommission und das Goethe Institut Neu Dehli hatten im Herbst einige Aktivisten aus indischen Metropolen zur Popkomm eingeladen. Darunter auch das DJ-Duo B.L.O.T alias DJ Gaurav Malakar und Veejay Avinash Kumar aus Neu Dehli. „Unser größtes Problem ist es, daß die indischen Clubs schon um halb eins nachts wieder zumachen müssen“, so Gaurav. Trotzdem gebe eine Dehli, Bombay, Bangalore und Poona eine funktionierende Clubszene. „Wir sind alle full-time Musiker, und verdienen unser Geld damit“, so die beiden Promoter und ihr Kollege Sohail Arora von der Booking-Agentur „Krunk“ ergänzt: „In den letzten drei Jahren hat sich unglaublich viel getan“. Die indische Musikjournalistin Priyanka Blah arbeitet ebenfalls für die vor zwei Jahren gegründete Agentur. Sie ist aber auch Sängerin des Elektro-Duos „Tempo Tantrick“ aus Bangalore. „Es gibt nur vier Live-Bands, die etwas ähnliches wie wir machen“, erklärt Priyanka. „Es mag überraschend sein für deutsche Ohren, daß wir überhaupt elektronische Bands haben. Es gibt in Indien aber auch tolle Venues und Fans!“. Sie selbst sei von westlicher Musik geprägt worden, von Bands wie Daft Punk und den Chemical Brothers. Ihr Projekt sei demnach auch auf der Suche nach einem „globalen“ Sound für eine zwar kleinere, aber durchaus moderne Zielgruppe in Indien – jenseits des Bollywood-Sounds. Vom indischen Staat gebe es bislang keinerlei Unterstützung, bemängelt Priyanka. „Das Geld wandert komplett in die Filmindustrie“. Auch Ma Faiza ist nicht zufrieden mit der aktuellen Situation für Diskjockeys in Indien. Aber sie kennt vergleichbare Dinge auch aus Ibiza. Und freut sich eher über die Aufbauarbeit, die derzeit in Indien geleistet wird. „Die nächsten zehn Jahre werden sehr interessant!“. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sei unter 30 Jahre alt, die finanzstarke Mittelklasse werde größer. „Da steckt also auch Geld drin, um die Szene größer zu machen!“.

Ein Aushängeschild in der Clubszene ist das „Bluefrog“ in Mumbay. Nicht nur als Liveclub die erste Adresse Indiens, sondern auch bekannt für seine integrierten Aufnahmestudios. Die österreischiche Vocalgruppe „Bauchklang“ hat dort eine DVD produziert und die Schweizer Pianist Leo Tardin vom Projekt „Grandpianomax“ hat für seine aktuelle Cd „Smooth Dancer“ den Tablaspieler Karsh Kale aufgenommen. Auf diesem Weg sind lokale Acts wie Vivek Rajagopalan oder die Sängerin Shilpa Rao jetzt einem weltweiten Publikum bekannt gemacht worden.

Geht es um postkoloniale Musik, findet man in den Archiven des indischen Radios zum Beispiel die „Konkani“-Klänge. Im Bundesstaat Goa wurden jahrelang Schnulzen aufgenommen, von denen die Frankfurter Tontechnikerin Sigrid Pfeffer „vollkommen fasziniert“ war: „Es klang so gar nicht ‘indisch’, sondern erinnerte mich eher an Musik aus Jamaica oder Lateinamerika“. Sie recherchierte die Geschichte der Musik und stellte für das Münchner Label Trikont eine Cd zusammen: „Konkani – Music from Goa, Made in Bomba“. Diese Klänge – eine wilde Mischung aus Mariachi und kubanischem Son, europäischem Schlager und goanischer Folktradition – sind in den 60er und 70er Jahren entstanden. Diese Tradition geht bis auf die Christianisierung durch die portugiesischen Kolonialherren zurück – auch ein Stück indischer Musikgeschichte, die es zu entdecken gilt.

Wer es poppig mag und ganz im Stil des Hitliferanten Panjabi MC („Mundian To Bach Ke“), der sollte sich die Bhangra Brothers aus Stuttgart anhören. Deren Geschichte begann tatsächlich vor neun Jahren parallel zu Panjabi MC’s Charterfolg in Deutschland. Man brauchte damals für TV-Shows und andere Auftritte einen Inder, denn der Originalsänger Labh Janjua vom Mundian-Song war nicht verfügbar. So kam man auf Mammander Singh Kahi, der fortan den Hit mit DJ Panjabi MC auf vielen Bühnen und zahlreichen Preisverleihungen performte. Der Afghane mit indischer Abstimmung holte Gurinder Singh Bewas ins Boot und verpflichtete mit dem britischen Team RDB („Rhythm, Dhol, Bass“) die Speerspitze der Neo-Bhangra-Produzenten. Das Album „Sun Balye“ soll nun indische Beats von Deutschland aus in die Welt bringen. Keine schlechte Idee, schließlich verdankt Panjabi MC seinen weltumspannenden Erfolg letztlich auch den Trüffelschweinen vom Label Superstar Records.

Stefan Müller

links:

http://www.asiandubfoundation.com

http://www.bluefrog.co.in/

http://www.konkanirocks.com/

http://www.krunklive.com/about

http://soundcloud.com/tempotantrick

http://www.goethe.de/ins/in/lp/deindex.htm

http://www.bhangra-brothers.com

Worldtronics / BLNRB

Nairobi, Kenia. Fast drei Millionen Einwohner… überfüllte Straßen, viele Slums… Anfang Dezember sind 22 Musiker, Rapper und Produzenten nach Deutschland gekommen, in die Winterkälte, um zu zeigen, was Kenia musikalisch zu bieten hat.Dieses ganze Projek BLNRB (Berlin-Nairobi) funktioniert nämlich als offene Plattform. Vor einen dreiviertel Jahr waren Andi und Hannes Teichmann nach Kenia gefahren. Man hatte für einige Tage ein Haus in Nairobi zum kreativen Produktionsstudio umfunktioniert.

Gebr. Teichmann mit Ukoo Flani und einem Drittel von Jahcoozi

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Recherche im Radio

Oliver
Günther recherchiert als Ein-Mann-Redaktion eigene Geschichten für hr-info, um das Profil der Welle zu stärken. Recherche im Radio war
einer der Schwerpunkte der Tutzinger Radiotage 2010. Stefan Müller,
ebenfalls Mitarbeiter beim Hessischen Rundfunk, hat den Kollegen zu seinem
Arbeitsalltag befragt.

Interview mit Oliver Günther

Revolution Disco

Zum zehnjährigen Jubiläum der Russendisko wird getanzt! Mit den sorgfältig ausgewählten Liedern des Samplers “Revolution Disco”.


Zehn Jahre nach ihrer ersten Veranstaltung im Berliner Kaffee Burger in Berlin-Mitte sieht die Arbeitsteilung der beiden Ex-Sowjets Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy so aus: Kaminer fährt zu Lesungen quer durch die Republik, um sein neues Buch “Die kaukasische Schwiegermutter” vorzustellen und legt immer noch einmal im Monat Platten auf. Für das Leben unter der Discokugel ist aber mehr und mehr Yuriy Gurzhy zuständig. Zum Glück hat der “Rotfront”-Kopf die musikalische Ausrichtung jetzt von den Balalaika-Beats hin zu revolutionären Klängen aus aller Welt erweitert. Gurhzy: “Inzwischen bedeuten mir die Grenzen Ost-, Westeuropa oder Lateinamerika überhaupt nichts mehr!”.
20 Jahre nach der Maueröffnung muß Gurzhy seine musikalische Sozialisation im Sozialismus häufig der jüngeren Generation erklären. Es ist einerseits eine Tatsache, daß die Musik hinter dem eisernen Vorhang wie eine Diät wirkte – weil so wenig durchkam. “Mickey Mouse und Elvis kannten wir nicht, dafür den Lenin und ‘Die Singenden Gitarren’”, so Gurzhy. Andererseits hatte das Leben in der Ukraine aber auch Überraschungen zu bieten: kubanische Rhythmen zum Beispiel. Gurzhy schmunzelt: “Kuba war unser großer Freund wegen Kamerad Fidel Castro, deshalb wurde viel kubanische Musik gespielt”. Diese Latino-Musik sei ein Teil von ihm gewesen, erinnert sich Gurzhy. “Und als ich die Elemente daraus plötzlich hier in der Musik moderner Ska-, Reggae- und Punkbands wiederentdeckte, war ich begeistert!”.


Daraus läßt sich ein schöner roter Faden basteln, der sich durch die ganze CD “Revolution Disco” zieht. Oktoberrevolution goes Cumbia! Partisanen-Pop made in Italy! Protest-Punk zelebriert den Bruderkuß zwischen Russen und Türken! Und das alles ganz ohne Manu Chao. Ein Soundtrack also für die Gegner von Stuttgart 21 und der Rentenreformen in Frankreich? Man muß es globaler sehen: “Die Musikgeschichte ist eine Geschichte des Widerstandes gegen die Unterdrückung und die Sklaverei”, meint Wladimir Kaminer. “Nirgendwo singt man aus Freude am Leben, nur im deutschen Musikantenstadel vielleicht, wenn die Bürger zu viel Bier getrunken haben”. Die beste Musik aber entstehe aus der Not, sie fordere die Menschen zum Protest auf, bringe sie auf die Straße. “Jede Band kennt die Probleme in ihrem eigenen Land und singt auch darüber”, ergänzt Yuriy Gurzhy.
So sehen Vavamuffin aus Polen die Wahrhaftigkeit beim Volk, nicht bei der Polizei. Babylon Cirkus aus Lyon und Les Motivés aus Toulouse reihen sich ein in den aktuellen Protestzug gegen die Politik Nikolas Sarkozys und die Abschiebung der Roma aus Frankreich und skandieren: “Push! Push! Dances Of Resistance”. In Moldawien und Weißrussland wird der allgegenwärtigen Korruption der Kampf angesagt: Zdob si Dzub haben sich dafür mit Serghei Mihalok zusammengetan, dem Sänger der Band Lyapsis Trubeckoy aus Minsk. “Leidenschaft, Romantik, Idealismus und der unerschütterliche Glaube, dass ein Song das Leben der Menschen verändern kann – das motiviert die Musiker, egal woher sie kommen und welche Lieder sie in ihrer Kita gesungen haben!”, lautet das Credo von Gurzhy.

Schon als 14jähriger Teenager hörte er im italienischen Radio eine der unzähligen Versionen des Partisanenlieds “Bella Ciao”. Und war absolut verblüfft, denn als Kind war er er noch überzeugt, dies sei ein sowjetisches Lied. Es ist auch ein Verdienst dieses Samplers, herausragenden Songs wie diesem vielleicht bekanntesten Revolutionslied aller Zeiten ein frisches Denkmal zu setzen. Und ein Stück Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Lied stammt ursprünglich aus dem Jahr 1906 und prangerte die Arbeitsbedingungen von Reispflückerinnen in der sengenden Sonne an. Später wurde “Bella Ciao” die Hymne der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus. Die Modena City Ramblers sind für das jüngste Update zuständig. Ähnlich monumental sind zwei andere Songs: Einmal “The Guns of Brixton”, in dem es um die Straßenkämpfe in London Anfang der achtziger Jahre geht. The Clash lieferten damit ihr Meisterwerk ab und wurden von Dutzenden anderer Musiker und Bands gecovert, so auch vom Italiener Ottavo Padiglione – und das in ganz ungewöhnlichem Stil. Der zweite Meilenstein ist die “Internationale”, in vielen Ländern als Hymne verehrt – gleich neben der eigenen Landeshymne. Der Franzose Eugène Pottier hatte den Text verfaßt, in dem es einst um die gewaltsame Niederschlagung der Pariser Kommune ging. Der ehemalige Sänger der Londoner Band Oi Va Voi, Lemez Lovas, fügt der langen Geschichte des Songs jetzt noch ein ganz neues Kapitel an: er forscht mit seiner neuen Formation Yiddish Twist Orchestra im musikalischen Nachlaß von Willie Bergmann, einem britischen Komponisten mit jüdischer Abstammung. “Bergmann hat mit seiner Band in den 50er Jahren jiddische Klassiker in Twist-Arrangements gepackt und sozusagen yiddifiziert”, lacht Yuriy Gurzhy. Darunter eben auch das Lied mit der Textzeile “Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht, die Internationale erkämpft das Menschenrecht”. Der deutsche Text von Emil Luckhardt ist genau 100 Jahre alt. “Diese Version finde ich frisch!”, sagt Yuriy Gurzhy. Und freut sich schon auf seinen nächsten Einsatz als DJ in der Russendisko. Dann spielt er garantiert auch ein weiteres Stück aus jener Zeit: den “Arbeitslosen Marsch” in der Version der italienienischen Punkband “Banda Bassotti”.



Autor: Stefan Müller

Axel Krygier “Pesebre

“Ich würde zu gern deutsch lernen – damit ich endlich Nietzsche im Original lesen könnte!”, sagt Axel Krygier. Ein Argentinier mit Hang zur Philosophie? Durchaus. Jedenfalls nutzte er die Chance und stattete der Frankfurter Buchmesse einen kurzen Besuch ab. Dort war Argentinien kürzlich der Ehrengast. Literatur aus Buenos Aires, Tanztheater, Videokunst. All das sind Themen, für die sich Axel Krygier seit Jahren interessiert.

Er ist ein digitaler Künstler des 21. Jahrhunderts: und die Musik allein reicht ihm nicht. Für das CD-Cover von “Pesebre” suchte er im Internet nach alten Meistern der Renaissance, fand Vorlagen und verfremdete sie. Die religiöse Ikonographie auf dem Cover ist verstörend: das Opferlamm. Im Gegensatz dazu ist auf der Rückseite der CD ein geradezu rührendes Bild zu sehen, das Krygier mit digitalen Mitteln erschaffen hat: ein Kind liegt in der Krippe, die Eltern sind zugegen, haben einen verzückten Gesichtsausdruck. Der Junge hat die Augen geschlossen, er spielt ganz versonnen auf einer Melodica. Man kann nur ahnen, daß diese Szene den kleine Axel darstellt, der schon als Kind diverse Instrumente lernte, angefangen bei der Querflöte. “Ich habe 2007 und 2008 innerhalb von zwei Jahren meinen Vater und meine Mutter verloren”, erzählt Krygier. “Deshalb wollte ich dem Album ein Gefühl mitgeben, das Familiengefühl. Geliebt zu werden und diese bedingungslose Liebe zurückzugeben”. Und wie macht man ein liebenswertes Album für die ganze Familie? Indem man die Lieblingsstile von Bruder, Eltern, Opas, Tanten, Cousins und Cousinen in eigene Songs und Tracks transferiert. So besteht nie die Gefahr sich selbst zu kopieren, weil ja jedes Stück eine neue Geschichte erzählt. Zum Beispiel die Story von der “Cucaracha”-Schabe, die man zwar gern totschlagen würde, weil sie im Sommer einfach nervt. “Aber die listigen Tiere kriechen manchmal einfach weiter”, grinst Krygier.

So ähnlich fühle er sich auch: als Überlebender. Spielt er an auf den Niedergang der Musikindustrie? Oder auf seine persönliche Odyssee? Schließlich war Krygier vor elf Jahren in Argentinien für sein Debüt “Échale semilla!” zum “vielversprechendsten Newcomer” gewählt worden. Vielleicht war ihm der Rummel plötzlich zu viel. Zwei Jahre später ging er jedenfalls nach Barcelona, ins katalanische Exil. Machte erstmal Musik fürs Tanztheater. Und schuf die Skizzen für das poppige und außergewöhnliche Album “Zorzal”, mit dem er ab 2008 häufig im Programm von Funkhaus Europa gespielt wurde. Was er aus Europa mitgenommen hatte, war die neue Szene der Balkan-Beats, die plötzlich überall in den Clubs liefen. Verfremdete Polka-Bläser finden sich auch auf vielen neuen Krygier-Tracks, selbst eingespielt auf Klarinette und Trompete. Schließlich kann man damit auch in Argentiniens osteuropäischer Community punkten. Und wie kam der Klezmer-lastige Track “La Fiera” zustande? Auch wieder eine Geschichte für sich: Dieses Stück hatte Axel ursprünglich für eine Fernsehserie über den Holocaust geschrieben. “Ich mochte das Thema, also habe ich einen neuen Text dazu gemacht und alles nochmal neu aufgenommen”. Die verrückte Welt des Axel Krygier und seiner Familie, wozu auch sein Produzent Manuel Schaller zählt, der oft für die Effekte verantwortlich war. Da werden Stimmen verfremdet und verlangsamt, da grooven Moog-Synthesizer, Slidegitarren und Akkordeons um die Wette, da gibt es schräge Tierlaute aus dem Computer. Vielleicht läßt hinter all dem auch Sigmund Freud grüßen – der Vater der Psychoanalyse. Nirgendwo auf der Welt gibt’s mehr Analytiker als in der argentinischen Hauptstadt. Auf dem Album “Pesebre” landet man allerdings (zum Glück) nicht auf der Couch des Psychologen, sondern in der Kreativ-Krippe des Multiinstrumentalisten Krygier. Seine imaginäre Folklore mit Wurzeln in Buenos Aires eröffnet immer wieder neue Perspektiven auf Songwriting mit reduzierten Mitteln. Auf daß uns seine Bricolagen und Soundhybride immer wieder aufs Neue verblüffen. Krygier sagt selbst von sich, er habe erstmal seine Schüchternheit überwinden müssen. Vom Saxofonisten einer Band (“Instrucción Cívica”) zum Folktronica-Liedermacher – das war sein Weg. Seine neue Band ist zunächst einmal der Laptop. Seit Anfang September lebt Axel Krygier in Paris, um von dort aus die Liveauftritte in Europa zu organisieren. Und dort werden dann echte Musiker auf der Bühne stehen!

Autor: Stefan Müller

http://funkhauseuropa.de/world_wide_music/cd_der_woche/2010/kw42_axel_krygier.phtml

Shah Rukh Khan’s Birthday

King SRK vor dem Drehort von Don 2 am Gendarmenmarkt